Utkina, Olha: Der Wert des menschlichen Lebens

WAi??hrend meines Studiums an der UniversitAi??t sah ich den Kampf um die Gewalt von Wiktor Juschtschenko und Wiktor Janukowitsch und als Folge davon die Orange Revolution. Aus dem Fenster des Unterrichtsraums der Charkower NationaluniversitAi??t war sichtbar, wie sich die ParteigAi??nger der Kandidaten amAi??Freiheitsplatz versammelten und eine Zeltstadt bauten. Wir, als Studenten, sprachen A?ber die Menschenrechte, Freiheit, Demokratie, diskutierten darA?ber imAi??Unterrichtsraum, bei den Kundgebungen und zu Hause… Das Hauptthema der Diskussion war die Erfahrung der LAi??nder, die der EuropAi??ischen Union beigetreten sind: Ein Beispiel des heutigen Polen und die Nachkriegserfahrung des Deutschland. Wir lasen Dokumente und Ai??uAYerungen und versuchten dabei die Ereignisse zu analysieren und zu erklAi??ren.

Diese Erfahrungen waren der Ausgangspunkt fA?r mein wissenschaftliches Interesse an der EuropAi??ischen Union. Meine Diplomarbeit war diesem speziellen Problem gewidmet. Alle Aspekte der Bildung und der Funktion der EU konntenAi??innerhalb kurzerAi??Zeit nicht untersucht werden, deshalb konzentrierte ich mich auf das Rechtssystem: Internationale VertrAi??ge und die Gesetzgebung von europAi??ischen LAi??ndern, internationales und innerstaatliches Recht.

Danach fanden in der Ukraine der Euromaidan, die Annexion der Krim und der Ausbruch des Hybridkrieges im Osten der Ukraine statt. Auch wurde die Frage nach der europAi??ischen Entwicklung unseres Landes gestellt und dabei immer wieder auf die Erfahrungen Deutschlands als eines der erfolgreichen EU-LAi??nder verwiesen. Als Geschichtslehrerin habe ich oft A?ber diese Probleme mit SchA?lern und ihren Eltern, wAi??hrend der wissenschaftlichen Konferenzen und Seminare gesprochen. Ich wollte diese Situation verstehen.

Als der Verein ai??zDekabristenai??? das Geschichtslehreraustauschprojekt (mit den Schwerpunkten: Totalitarismus, Repression, Holocaust und Menschenrechte) ankA?ndigte, hat es mir die MAi??glichkeit erAi??ffnet, Antworten auf meine Fragen zu bekommen. AuAYerdem wollte ich auch meinAi?? Englisch in der Praxis A?ben.

Das Projekt war sehr inhaltsvoll und vereinte energische offene Menschen, Profis in ihrem Fach. Dank dieser Gelegenheit gab es immer Diskussionen A?ber wichtige, komplexe und fA?r die Ukraine aktuelle Themen. Es gab viele EindrA?cke vom Besuch der StAi??dte NA?rnberg und Charkiw. Wir besuchten viele historische StAi??tten, Museen und VortrAi??ge. Auf diese Weise konnte ich Antworten auf meine Fragen finden.

Der Besuch des GerichtsgebAi??udes und Museums der NA?rnberger Prozesse, gaben uns die MAi??glichkeit, A?ber Rechtsstaatlichkeit nachzudenken. Der Verbrecher bleibt nicht ungestraft, unabhAi??ngig davon, welche Position im Staatsapparat oder in der Gesellschaft oder anderen Privilegien er innehatte. Dass jeder das Recht auf Verteidigung und auf ein gerechtes, objektives Gericht hat, unabhAi??ngig von der Schwere der Anschuldigung.

Wir wussten bereits A?ber die Erfahrung des Gerichtsprozesses gegen die Nazis in Charkiw Bescheid. Daher war derAi??Internationale MilitAi??rgerichtshof in NA?rnberg sehr interessant.

Die Ausstellung des NA?rnberger Museums zeigte die KomplexitAi??t und das AusmaAY der Organisation dieses Prozesses. Viele Dokumente und Materialien wurden bearbeitet, viele Personen waren am Gerichtsverfahren beteiligt. Wie schwierig es war, ein einheitliches Justizsystem fA?r den Gerichtsprozess zu schaffen, die AktenfA?hrung zu koordinieren, die SimultanA?bersetzung sicherzustellen, usw.

Ein weiteres Problem war die Notwendigkeit, Punkte der Anklage und deren Basis zu formulieren. Der Mangel an solchen Praktiken und vorgegebenen gesetzlichen Regeln machte den Gerichtsprozess nicht einfach, weil es vorher keinen Begriff von „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ gab.

Das dritte Problem war die Organisation der Verteidigung von Angeklagten. Da diese Leute schrecklicher Verbrechens beschuldigt wurden, sollten ihre AnwAi??lte nach meiner Ansicht an die Rechtsstaatlichkeit glauben und verstehen, dass jeder die beste Verteidigung verdient und niemand ohne Gerichtsbeschluss des Lebens und der Freiheit beraubt werden sollte. Sie waren Fachleute, die sorgfAi??ltig ihre Arbeit machten.

Das nAi??chste Problem war das Urteil: Wie sollten diese Menschen bestraft werden, die fA?r so viele ToteAi??verantwortlich waren? Die Richter mussten ein hAi??heres VerstAi??ndnis des Gesetzes, der Ideen des Humanismus und der Demokratie zeigen. Wir erinnern uns daran, dass wAi??hrend des Prozesses in Charkiw alle vier Angeklagten zum Tode verurteilt wurden. Im Holocaust-Museum, das wir in Charkiw besuchten, gibt es Dokumente von diesem Urteil: ai??zDieses UrteilAi??ohne Berufungai???. In NA?rnberg war es anders: Drei der Angeklagten wurden freigesprochen, Einige wurden von 10 bis 20 Jahre zu GefAi??ngnisstrafen verurteilt, drei andere Menschen zu lebenslanger Haft und mehr zur Todesstrafe verurteilt.

Alles A?berraschte mich. Gesetz, Gesetz und noch einmal das Gesetz ist unabhAi??ngig von den VerhAi??ltnissen.

Warum unterstreiche ich die Wichtigkeit des Besuchs von Museum der NA?rnberger Prozesse? NatA?rlich war das Programm sehr inhaltsvoll, aber irgendwie erinnerte alles an eine Sache: Ein Verbrechen geschieht, wo es keine Verantwortlichkeit gegenA?berAi??demAi??Gesetz und keinen Wert des menschlichen Lebens gibt.

WAi??hrend des Programmteils in Charkiw, besuchten wir viele Orte, die die tragischen Seiten der ukrainischen Geschichte symbolisieren: Das Haus ai??zWortai???, das Denkmal der erschossenen Kobzaren und die Holodomor-GedenkstAi??tte, der polnische Friedhof, usw. Bei der Analyse der Situation, kommt man zu dem traurigen Schluss, dass die Menschen, die diese Verbrechen begangen, ihr Leben lang nicht bestraft wurden. Heute verurteilen wir diese Verbrechen und ehren die Erinnerung an die Opfer.

Deswegen war der Besuch desAi??Justizpalastes, wo derAi??NA?rnberger Prozess stattfand,Ai??war ein wichtiger Teil des Projekts. Das ist ein besonderes historisches Ergebnis der ersten HAi??lfte des 20. Jahrhunderts: Die BestAi??tigung des menschlichen Lebens als den hAi??chsten Wert und die Unterzeichnung der ErklAi??rung der Menschenrechte.

Die Teilnahme am Programm ermAi??glicht mir zu verstehen, wie sich das Nachkriegsdeutschland nach der nationalen TragAi??die und Spaltung der Gesellschaft entwickelte, und welche Lehre die moderne Ukraine daraus ziehen kAi??nnte.

Ein wesentlicher Bestandteil des Programms war die Zusammenarbeit mit deutschen Kollegen. Wir hatten die MAi??glichkeit die deutsche Lebensweise zu verstehen, und in die Leben junger Menschen einzutauchen, ihre Werte und Interessen besser zu verstehen. Wir begriffen, dass wir viel gemeinsam haben. Ich glaube, dass unsere deutschen Freunde auch etwas fA?r sich selbst entdeckt haben.

Als Lehrer sprachen wir A?ber ukrainische und deutsche Ausbildungssysteme, Ausbildungsreformen, die Lehrmethoden, die im Unterricht allgemein und besonders im Geschichtsunterricht angewandt werden sollten. Es war interessant.

Das Leben in NA?rnberg zeigte Vertrauen zu den Menschen, den Respekt der BA?rger untereinander und ihrem Staat gegenA?ber. Ich war angenehm von der Offenheit der Gesellschaft A?berrascht: An Ai??ffentlichen PlAi??tzen gab es viele Familien mit kleinen Kindern, Rentner und Behinderte. Wir, die Englisch sprachen, wurden sehr freundlich behandelt, und wenn wir Schwierigkeiten mit der A?bersetzung hatten, wurde uns bereitwillig von Fremden geholfen.

Was auch symbolisch war, war die Tatsache, dass unsere Gruppe am ersten Tag der Visafreiheit in das Gebiet der EU eingereist ist. Und einer der wichtigsten Werte der EU ist die FreizA?gigkeit von Menschen, was fA?r uns ermAi??glich worden war.

Auf diese Weise, ist das Austauschprojekt von Geschichtslehrer NA?rnberg-Charkiw ein einzigartiges, vielseitiges Projekt geworden: Als Historiker konnte ich viele historische StAi??tten sehen und berA?hren, die Ansichten von Wissenschaftlern aus anderem Land erfahren, meine Kenntnisse von bestimmten Problemen vertiefen. Als ukrainische StaatsbA?rgerin habe ich begriffen, wie eine demokratische Rechtsgesellschaft aussehen sollte. Als Lehrerin habe ich die wahre Information A?ber das deutsche Ausbildungssystem gelernt und mir viele praktische Punkte verdeutlicht, die ich in meiner Lehrpraxis benutzen werde. Als Person habe ich interessante Menschen aus Charkiw und Deutschland kennen gelernt.