Grünes Potenzial am Baikal. Sozialunternehmer entwickeln neue Geschäftskonzepte für nachhaltige Entwicklung in Südsibirien

Gusel Sanschapowa zur Vermarktung von Fair-Trade Produkten

Vom 5.- 6. Juli 2017 fand im südsibirischen Ulan-Ude die deutsch-russische „Grüne Baikal Schule“ statt. Das Ziel des zweitägigen Seminars mit Workshops und Podiumsdiskussionen unter dem Dach des Business-Inkubators war die Entwicklung eines Netzwerks „grüner“ Sozialunternehmer, die gemeinsam Fragen um nachhaltige Entwicklung, innovative Ansätze zur Lösung ökologischer Probleme, Förderung der nachhaltigen Landwirtschaft und des Tourismus in der Region nachgingen.

Eines der wichtigsten Themen war die ausbleibende Modernisierung auf dem Markt um medizinische Heilpflanzen in der Republik Burjatien. Damit einher geht der Mangel an qualifizierten Fachkräften im Bereich des Anbaus, der technologischen Verarbeitung und des Handels mit Heilpflanzen. Der Mangel an Ressourcen und Know-How in der Region verhindert die Modernisierung der ansässigen Betriebe.

Sergej Schapchajew, Co-Organisator der Schule und bekannter Ökologe berichtete, dass „innerhalb der letzten 20 Jahre das Basismaterial und damit eine einzigartige Auswahl an Schulobstkulturen in Burjatien praktisch eliminiert worden ist.“ Viele Anbauanlagen hätten zugemacht. Geblieben sei noch die Obstaufzucht ‚Tahojskie Sämlinge’ und die Firma ‚Baikal-Vita’, in denen die Experten noch in der Lage seien, ihr Wissen um die vorhandene Artenvielfalt der regionalen Kulturen an ihre jüngeren Kollegen weiterzugeben.

Die Zielgruppe der Grünen Baikal Schule waren Vertreter der regionalen Wirtschaft, Umweltorganisationen, sozialer Initiativen, Reiseveranstalter, Wissenschaftler auf dem Gebiet der Biotechnologie, Umweltaktivisten und junge Startuppers. Die Teilnehmer erhielten nicht nur die Chance ihre

Anastasia Guliavina zum Lean-Startup für Sozialunternehmer

Projekte vorzustellen, sondern auch eine Experteneinschätzung zu Entwicklungsmöglichkeiten ihrer Projekte einzuholen. Die Mitbegründerin des Moskauer Impact Hubs, Anastasija Guljavina, diskutierte mit den Teilnehmern die Möglichkeiten der Projekt-Analyse und der Entwicklung von tragfähigen Geschäftsmodellen. Tschagat Almaschew, Inhaber eines Unternehmens für nachhaltigen Tourismus im Altai-Gebirge, sprach über die Anforderungen europäischer Partner bei der Organisation einer „nachhaltigen Tour“ sowie über die Entwicklung von Event-Tourismus in der Region.

Die russische Pionierin im Sozialunternehmertum, Gusel Sanschapowa, leitete einen Workshop zur Vermarktung von „fairen“ Produkten. Ihre Firma ‚Cocco Bello’ ist ein Beispiel für Solidarwirtschaft. Innerhalb von fünf Jahren gelang es der jungen Unternehmerin mit ihrem Produkt – mit Beeren und Wildkräutern veredelte Honig-Creme – eine konkurrenzfähige moderne Produktion zu schaffen, bei der neun ältere Menschen, in einem vor dem aussterben begriffenen Dorf im Ural, Beschäftigung fanden. Nachdem das Projekt kommerziellen Erfolg erzielte, beschäftigte sich Gusel mit der Entwicklung der Infrastruktur im Dorf Malyj Turysch. Zu Beginn stand die Eröffnung eines Spielplatzes. Inzwischen bemüht sich das Projekt um die Modernisierung des Wasserversorgungssystems, um den Aufbau eines Ferienhauses, eines Cafés sowie eines öffentlichen Raums zur Freizeitgestaltung für die Bevölkerung aus den umliegenden Siedlungen. Die Unternehmerin aus dem Ural bemerkt mit Freude: „Wo die Bevölkerung auf dem Dorf früher den Rest ihres Lebens nur abwartete, verbringen die Senioren im Alter von 60 bis 85 ihre Zeit jetzt damit sich neue Kleider zu nähen, an Festivitäten teilzunehmen und ihren Urlaub in Sotchi zu planen“.

Ein wichtiger Teil des Projekts war das „Grüne Forum“, in dem Vertreter des Industrie- und Handelsministeriums, der Handelskammer, Bezirksvertreter, Geschäftsleute und ausländische Experten, die Perspektiven der Entwicklung von Südsibirien vor dem Hintergrund der UNO-Strategie 2030 für nachhaltige Entwicklung diskutierten.

Teilnehmer der Baikal Green School 2017 in Ulan-Ude

Alle Teilnehmer der Podiumsdiskussion waren sich einig, dass die Region über einzigartige Anlagen verfügt, Möglichkeiten für die Entwicklung einer modernen Produktion für den Vertrieb von Wildpflanzen, die Produktion und Vermarktung von ökologischen Lebensmitteln und nicht zuletzt die Entwicklung einer modernen touristischen Infrastruktur. Um diese Potenziale zu fördern ist es wichtig, den Austausch von Erfahrungen und Technologien zu ermöglichen und Investitionen und Ressourcen in der Region zu binden. Armin Pialek, Experte der BMW Stiftung, wies bei dem ersten Panel um das Konzept „pro bono“ darauf hin, dass „sich in Europa und der Welt soziale Innovationen nicht zuletzt durch die Gemeinschaft von Fachleuten entwickeln und die Netzwerke der Sozialunternehmer eine entscheidende Rolle spielen“. In der Startphase ermöglicht das System „qualifiziertes Volunteering“ Umweltorganisationen und jungen Unternehmern kostenlos kompetente Hilfe von Anwälten, Designern und Marktforschern in Anspruch zu nehmen. Über die Entwicklung von modernen Unternehmen, innovativen Ansätzen im Bereich Ökologie und Produktion sowie über staatliche Unterstützungsprogramme berichteten an dieser Stelle der Vertreter des Kreises Selenga, Wjatscheslav Tsybikschapow, die Vertreterin des Industrie- und Handelsministeriums, Marina Bodunova, der Leiter der Handelskammer der Republik Burjatien, Petr Ertanow und die Sozialunternehmerin aus dem Gebiet Irkutsk, Swetlana Perwenetskaja.

Co-Organisator der Grünen Baikal Schule und Leiter der Berliner Social Innovation School ‚Eastern Partnership’, Sergey Medvedev, bemerkte in seinem Schlusswort, dass eine stabile Entwicklung für Südsibirien, sowie die Verbesserung der Beziehungen zwischen der EU und Russland, Bildung und moderne Technologien, aber auch den Dialog und eine vertrauensbasierte Beziehung zwischen Ost und West voraussetzt. Die Grüne Schule am Baikal ist ein lebendiger Beweis dafür, dass auch unter schwierigen Vorzeichen eine produktive Zusammenarbeit zwischen Vertretern der Regierung, der Wirtschaft, der Zivilgesellschaft und internationalen Organisationen möglich ist.

Baikal Green Forum 2017 in Ulan-Ude

Die Organisatoren möchten besonderen Dank gegenüber der Verwaltung der Republik Burjatien und dem Business-Inkubator für die aktive Unterstützung bei der Umsetzung des Programms aussprechen. Die Förderung durch das Zivilgesellschaftliche Forum EU-Russland und das deutsche Auswärtige Amt eröffnete neue Möglichkeiten der zukünftigen Zusammenarbeit zwischen beiden Ländern. Für das Jahr 2018 ist bereits geplant mehrere ökologische Projekte in der Region sowie ein internationales Volunteering-Sommerlager am Baikalsee umzusetzen.