ai??zWir sitzen alle im selben Boot und sind letztlich alle Betroffene,ai??? ai??i?? Birgit Heller A?ber die unmittelbare PraxisnAi??he der religionswissenschaftlichen Todesforschung

Birgit Heller ist Professorin fA?r Religionswissenshaft an der UniversitAi??t Wien. Sie beschAi??ftigt sich seit Jahren mit den Themen Sterben und Tod, Hinduistische Religionen und Gender-Fragen. HUMANPOINT erzAi??hlte Frau Heller, welche kulturelle Tendenz die Serie „Game of Thrones“ reprAi??sentiert und wie Religionen mit dem Tod umgehen.

Der Roman des portugiesischen NobelpreistrAi??gers fA?r Literatur Jose Saramago Death with Interruptions beginnt damit, dass Menschen plAi??tzlich aufhAi??ren zu sterben und Religionen sofort in der Krise der eigenen Sinnlosigkeit geraten. Oft hAi??rt man die Meinung, dass die Angst vor dem Tod, die Notwendigkeit ihn zu konzeptualisieren und mit ihm umzugehen ai??i?? die Quelle jeder Religion ist. Stimmt es? Gibt es in der modernen Religionswissenschaft ein EinverstAi??ndnis in dieser Frage?

In der Religionswissenschaft gibt es keine einhellige Meinung, was den Ursprung von Religion betrifft. Die Auseinandersetzung mit dem Tod ist sicher ein mAi??chtiger Impuls fA?r das Entstehen von Religionen, das gilt bis heute ai??i?? beobachtbar etwa, wenn Eltern ihre Kinder verlieren: Viele, fA?r die Religion/Glaube bislang keine Bedeutung hatte, entwickeln dann verschiedene Formen von ReligiositAi??t/SpiritualitAi??t.

Als Sinngebungssysteme versuchen Religionen aber A?ber die Herausforderung durch den Tod hinaus viel prinzipieller Antworten auf die Frage der Kontingenz, der ZufAi??lligkeit von allem Sein zu geben, also das Leben insgesamt mit Bedeutung zu fA?llen.

Religionen beziehen sich nie nur auf den Tod, es gibt sogar Religionen ai??i?? wie etwa das die Religion Altisraels, die den Tod kaum thematisiert und das Judentum ist bis heute eine Religion des Lebens geblieben: Das Bekenntnis zur GA?te und zum Wert des irdischen Lebens ist zentral, nicht der Tod.

Mithilfe moderner Medien sehen wir heute viel mehr Tod, als frA?her. In erster Linie ai??i?? gewaltsamen Tod. Das Beispiel von ai??zGame of Thronesai??? ist hier vielleicht ein aussagekrAi??ftiges. Was fasziniert uns dermaAYen, in der Beobachtung des Todes?

In der Moderne ist der Umgang mit dem Tod ambivalent: Einerseits wurde der Tod in die Hinterzimmer der Institutionen verdrAi??ngt (der reale Tod wurde tabuisiert), andererseits ist der gewaltsame Tod alltAi??glich prAi??sent in den Medien, den vielen Krimis und Spielen. Der deutsche Soziologe Reimer Gronemeyer drA?ckt das so aus, dass der durchschnittliche 15jAi??hrige heute virtuell tausende von Leichen gesehen hat, aber beim Tod der eigenen GroAYmutter im Pflegeheim nicht dabei war. Dazu passt der makabre Witz, dass die Mutter ihrem Sohn vorsichtig beibringen will, dass die Oma gestorben ist und dieser bestA?rzt fragt: ai??zWer hat sie umgebracht?ai??? Die meisten Menschen macht der reale Tod heute hilflos. Sie wissen nicht mehr, wie sie mit dem Leichnam eines AngehAi??rigen umgehen sollen. In den seltenen FAi??llen, wo jemand zuhause stirbt, lAi??sst man den Leichnam mAi??glichst rasch entfernen. Der hartnAi??ckige Mythos vom ansteckenden Leichengift trAi??gt nicht unwesentlich zur verbreiteten EntsorgungsmentalitAi??t bei. Wahrscheinlich ist die sterile Beobachtung des Todes in den Medien die Kehrseite der VerdrAi??ngung.

Ist etwa die einbalsamierte Leiche Lenins im Moskauer Mausoleum ai??i?? eine Erscheinung aus derselben Reihe?

Dieses PhAi??nomen sehe ich eher im Zusammenhang mit der in etlichen Religionen verbreiteten Praxis des Reliquienkults. Lenin wAi??re dementsprechend so etwas wie ein sAi??kularer Heiliger. Unter etwas anderen Vorzeichen gilt das auch fA?r die englische Lady Di, ai??zdie Prinzessin der Herzenai???, deren Grab zu einer KultstAi??tte geworden ist.

Wie unterscheidet sich prinzipiell der gewaltsame Tod von dem natA?rlichen in den Interpretationen unterschiedlicher Religionen? Ist ein gewaltsamer Tod ai??i?? etwas qualitativ anderes? Gibt es einen Begriff des ai??znatA?rlichen Todesai??? in den Religionen?

Als ai??znatA?rlichai??? gilt der Tod in den wenigsten Religionen und zwar in dem Sinn, dass er einfach (immer schon) Teil des Lebens ist. In vielen Mythen gab es am Anfang der Welt keinen Tod, d.h. der Tod wurde erstAi?? spAi??ter erschaffen und zwar beispielsweise als Folge eines Betrugs, eines dummen Versehens, einer Fehlentscheidung, als Strafe fA?r falsches Verhalten oder als A?berlastung der Erde (weil niemand stirbt und immer mehr Menschen dazukommen) bzw. positiv formuliert als Preis fA?r die GenerativitAi??t, die FAi??higkeit Kinder in die Welt zu setzen.

Daneben wird wohl in den meisten Religionen zwischen einem guten und einem schlechten Tod unterschieden. Der gute Tod korreliert meist mit hohem Alter, oft mit einem besonders gA?nstigen Sterbeort (etwa ein heiliger Ort, der sich positiv auf das Schicksal nach dem Tod auswirkt), gA?nstigen UmstAi??nden (etwa friedvoll, vorbereitet, bei klarem Bewusstsein) und vor allem mit den spezifischen Sterbe- und Totenriten. Ein schlechter Tod findet hingegen zum falschen Zeitpunkt, am falschen Ort, unter negativen UmstAi??nden (Unfall, Gewalt) und ohne die entsprechenden Riten statt.

Wahrscheinlich eine der brisantesten Fragen heute ist die Frage nach Euthanasie: Darf man sich selbst erlauben zu sterben? Jemanden bitten, sich ai??zeinzuschlAi??fernai???? Sich selbst zu schaden? Wie soll man das aus dem moralischen Blickwinkel sehen? Sagen Sie, bitte, verfA?gen Religionen (bis heute bzw. erneut) A?ber eine genA?gende AutoritAi??t, um in den Situationen, wo eine moralische EinschAi??tzung nAi??tig ist, gehAi??rt zu werden? Kann diese Stimme progressiv sein?

Es gibt keine einheitliche Einstellung der Religionen zur Euthanasie. Selbst innerhalb einer Religion werden sehr verschiedene Positionen vertreten. Der kleinste gemeinsame Nenner zwischen den Religionen lautet: Leben bewahren und Sterben zulassen. Das heiAYt das Leben gilt als wertvoll und muss geschA?tzt werden, aber gilt nicht als Selbstzweck. Der Mensch ist abhAi??ngig, in grAi??AYere ZusammenhAi??nge eingeordnet, das irdische Leben ist nicht das hAi??chste Gut. Allerdings sind religiAi??se BefA?rwortungen zur aktiven (selbstverstAi??ndlich ausschlieAYlich freiwilligen) Euthanasie kaum zu finden. Es gibt Diskussionen darA?ber im Reformjudentum, in hinduistischen Traditionen und in der modernen christlichen Theologie (nicht im kirchlichen Lehramt!). A?berwiegend geht es in den Diskussionen aber um Formen der sogenannten passiven Euthanasie, also um Behandlungsverzicht und Behandlungsabbruch.

In den modernen Gesellschaften sind diese Formen mittlerweile zwar legal, also autonomes Recht eines Menschen, aber es stellt sich zunehmend die Frage, ob der Wert der Autonomie nicht korrekturbedA?rftig ist.

Menschen leben in Beziehungen, sie sind aufeinander angewiesen, von ihren Handlungen wechselseitig betroffen, das gilt auch fA?r den Fall einer schweren Erkrankung und Entscheidungen rund um das Sterben. Ich denke eine isolierte religiAi??se Stimme wird heute nicht genA?gend ernst genommen, aber interreligAi??se/spirituelle Perspektiven kAi??nnten durchaus GehAi??r finden und einseitige gesellschaftliche Entwicklungen sichtbar machen, wenn sie engagiert, reflektiert und ohne ideologische Verengungen vorgebacht werden.

Moderne Medizin kann man als eine Art Reparaturindustrie verstehen, die den KAi??rper als einen Mechanismus sieht, der zugunsten der Gesellschaft optimiert werden muss. Es scheint, dass die Interaktion mit dem toten KAi??rper, welche religiAi??se Rituale reguliert hatten, nutzlos geworden ist. Stimmt das?

Die moderne naturwissenschaftliche Medizin ist eigentlich dazu angetreten den Tod zu besiegen. Daher ist es mehr als einleuchtend, dass sterbende Menschen bis vor kurzer Zeit nicht nur nicht im Blick der Medizin waren, sondern eigentlich ein lebendiges Symbol der Niederlage reprAi??sentiert haben. Durch die BemA?hungen der Hospizbewegung und des Etablierens von Palliative Care (Palliativmedizin ist ein Teil der interdisziplinAi??ren Sorge um schwerkranke, sterbenden Menschen und ihre AngehAi??rigen) hat sich hier in jA?ngster Zeit viel geAi??ndert. Allerdings ist die Idee der medizin-technischen A?berwindung der Sterblichkeit immer noch verbreitet: Etwa in Form der Kryonik (Menschen lassen sich unmittelbar nach ihrem Tod tieffrieren, in der Hoffnung auf den technischen Fortschritt) oder des Clonens.

Wie verAi??ndern bzw. werden Technologien und die Entwicklung der Medizin die Wahrnehmung vom Sterben und Tod verAi??ndern? Z.B. wie wird die Grenze zwischen dem Toten und dem Lebenden sich dank kA?nstlicher KAi??rperteile verAi??ndern?

Die Grenze zwischen Leben und Tod ist prinzipiell undeutlich. Genauso wie es verschiedene Vorstellungen A?ber den Beginn des Lebens gibt, gibt es verschiedene Vorstellungen A?ber das Ende des Lebens. SpAi??testens seit dem Hirntodkriterium, ist es auch medizinisch nicht mehr klar, wann ein Mensch nun eigentlich tot ist: In den religiAi??sen Traditionen ist ohnehin A?berwiegend die Auffassung verbreitet, dass ein Mensch tot ist, wenn die Seele den KAi??rper verlassen hat. Und das dauert unterschiedlich lange ai??i?? Stunden, Tage oder sogar ein Jahr und darA?ber hinaus.

Das heiAYt, dass sich alte Themen durch neue Technologien nur verschAi??rfen: Vielleicht spitzt sich das nun zu auf die Frage, ob man alles am Menschen austauschen kann ai??i?? auAYer dem Gehirn ai??i?? ohne IdentitAi??tsverlust?

Wie kann die Entwicklung der medizinischen Technik und der sedativen Mittel die dominierende Wahrnehmung des ai??zguten Todesai??? nach KA?bler-Ross verAi??ndern?

Ich denke den guten Tod gibt es nicht. FA?r das gute Sterben, den guten Tod gibt es kein Schema. Es gibt zwar in mancher Hinsicht Gemeinsamkeit zwischen den religiAi??s-kulturellen Traditionen, aber auch viele spezifische Unterschiede. Wenn man dazu bedenkt, dass einzelne Menschen nie nur Spiegelbilder einer Kultur sind und sich religiAi??se Traditionen in verschiedener Weise aneignen, wird schnell deutlich, dass es den guten Tod schlechthin nicht geben kann. Die immer stAi??rker werdenden Individualisierungstendenzen in der Moderne finden ein Pendant in dem oft zitierten Satz von Rainer Maria Rilke: ai??zHerr, gib jedem seinen eigenen Tod.ai??? Vielleicht ist das ein kleinster gemeinsamer Nenner fA?r viele Menschen heute: der Tod ist ein guter Tod, wenn er authentisch ist. Was allerdings ganz klar ist, ist, dass die jA?ngere Entwicklung einer palliativen Sedierung letztlich eine Form darstellt, sich den Tod vom Leib zu halten.

Kaum findet sich heute jemand, die oder der die These A?ber das allmAi??hliche Verschwinden der Religion unterstA?tzt. Kann das sein, dass die religiAi??sen Konzepte mit den medizinischen mechanistischen konkurrieren werden? Ist es berechtigt zu erwarten, dass die KAi??rperwahrnehmung und dementsprechend die Wahrnehmung dessen Sterbens, sich von der mechanistischen entfernt?

Mit dem modernen SAi??kularisierungsprozess geht durchaus ein Schwund traditioneller religiAi??ser Bindungen einher. Allerdings ist diese Entwicklung nicht global verbreitet, sondernAi?? ein typisch europAi??isches PhAi??nomen. Aber auch in Europa ist dieser Schwund traditioneller religiAi??ser Bindung nicht mit dem Verschwinden von Religion gleichzusetzen. Ganz im Gegenteil: Es sind verschiedene Facetten moderner/postmoderner SpiritualitAi??t entstanden, die sich auch nicht wie anfangs diagnostiziert rein im privaten Raum abspielt, sondern eine FA?lle neuer Organisationsformen gefunden hat.

Die medizinisch-mechanistische Wahrnehmung des Sterbens wird nicht nur im Rahmen religiAi??ser Konzepte als Reduktion betrachtet.

Das einseitige mechanistische Menschenbild, das die moderne naturwissenschaftliche Medizin geprAi??gt hat, wird von Seiten alternativmedizinischer, gesundheitswissenschaftlicher, aber auch pflegewissenschaftlicher AnsAi??tze radikal in Frage gestellt.

Ist ein ethisches Monopol in den Fragen des Sterbens mAi??glich? Falls ja, wer wird dieses besitzen?

Nachdem DiversitAi??t ein wichtiges Merkmal der Moderne ist, sollte ein ethisches Monopol in den Fragen des Sterbens undenkbar sein. Da die Moderne allerdings ein ambivalentes Janusgesicht trAi??gt, sind auch Kontrolle und Effizienz mindestens ebenso wichtige Kennzeichen. Es ist noch nicht absehbar, welche Tendenzen sich in Zukunft stAi??rker durchsetzen werden.

Neulich habe ich festgestellt, dass selbst Dalai Lama die religiAi??sen Rituale nicht besonders hoch schAi??tzt. Aber historisch gesehen, haben sie sich eher als nA?tzlich erwiesen ai??i?? sie haben ja lange Zeit A?berdauert. Wie hilft das Ritual Tod und Sterben zu bewAi??ltigen? Haben die EuropAi??er in diesem Sinne in der letzten Zeit etwas Neues erfunden? Neue sAi??kulare Rituale, die vor kurzem entstanden sind?

Rituale sind prinzipiell BewAi??ltigungsstrategien. Allerdings setzten sie einen gemeinsamen tragfAi??higen Boden derer voraus, die ein Ritual vollziehen. Das ist heute oft nicht mehr gegeben. Zudem kAi??nnen Rituale natA?rlich auch instrumentalisiert werden, etwa wenn Gesellschaften ein Interesse daran haben, dass ihre Mitglieder nach einem Todesfall mAi??glichst rasch wieder funktionsfAi??hig sind und daher die Zeit fA?r die Trauer stark regulieren und befristen. Es gibt derzeit nicht nur Versuche traditionelle Rituale neu zu beleben, sondern auch neue Rituale zu schaffen, obwohl sich auch diese neuen Rituale meist an alten Grundmustern orientieren, die KreativitAi??t ist eigentlich doch begrenzt. Das zeigt sich auch an der Verwendung von jeweils ganz individuellen MusikstA?cken fA?r die Bestattungszeremonie ai??i?? zumindest ist das die Ausgangsbasis, allerdings zeigen dann die entsprechenden Hitlisten im die Grenzen der IndividualitAi??t (so Ai??hnlich wie bei der Wahl der Vornamen fA?r neugeborene Kinder).

WAi??hrend der Tod an sich nicht wirklich tabuiert ist (zumindest in den Medien), ist die private Trauer in der Ai??ffentlichkeit kaum sichtbar. Wie wird heute beweint und betrauert in den europAi??ischen StAi??dten? Ist der Laieneindruck richtig und die Demonstration der Trauer ist ein Tabu? Oder ist es genau so zulAi??ssig, wie die Demonstration der sexuellen Orientierung oder des Queer-Gender?

Es gibt einerseits Aufsehen erregende mediale Inszenierungen von Trauer, etwa wenn es sich um populAi??re Verstorbene handelt oder um die Opfer dramatischer UnfAi??lle. Die ai??zDurchschnittstrauerai??? ist allerdings vAi??llig privatisiert. Die betroffenen Menschen lassen sich wenig bis gar nichts anmerken und verlagern, wenn nAi??tig, ihre Trauer in die professionelle psychologische Trauerbegleitung und/oderAi?? in Selbsthilfegruppen.

Wenn man in dieser Hinsicht das heutige Ai??sterreich mit Indien ai??i?? was ein weiteres Spezialgebiet von Ihnen ist ai??i?? vergleicht, welche drei Unterschiede, was die Wahrnehmung von Tod, Sterben und Trauer angeht, kann man nennen?

Zuerst muss man feststellen, dass im modernen Indien vieles im Wandel ist. Beispielsweise werden in den modernen indischen StAi??dten immer mehr Verstorbene in Krematorien verbrannt. FA?r die traditionellen Totenriten, die natA?rlich fA?r die meisten immer noch einen hohen Stellenwert haben, gilt allerdings, dass der Tod sinnlich erfahrbar ist. Das ist der wohl grAi??AYte Unterschied zu modernen westlichen Gesellschaften. Im traditionellen Indien affiziert der Tod die Sinne unmittelbar: Es wird kein Sarg verwendet, die (mAi??nnlichen) AngehAi??rigen sehen, wie der Leichnam verbrennt, der Rauch brennt in den Augen und steigt mit dem Geruch in die Nase. Ein auffAi??lliger weiterer Unterschied, der nun allerdings auch nicht mehr absolut ist: Es gibt kein Grab, keine Grabpflege. Interessanterweise relativiert sich dieser Unterschied zusehends, weil in Indien durch den Mangel und die hohen Kosten von Brennholz immer mehr begraben wird und in westlichen Gesellschaften die EinAi??scherungspraxis zunimmt, teilweise verknA?pft mit anonymer Bestattung oder A?berhaupt mit dem Verstreuen der Asche. Letzteres hat natA?rlich auch etwas mit Kosten zu tun, aber auch mit modernen Lebensformen (hohe MobilitAi??t, Zunahme von Singel-Haushalten und Kinderlosigkeit und daher keine Grabpflege durch die Familie mehr). Ein driter Unterschied ist, dass der Glaube an die Wiedergeburt, der in hinduistischen Traditionen verbreitet ist, dem einzelnen Leben seine eminente Bedeutung nimmt. Aus hinduistischer Perspektive sind westliche Gesellschaften von einer ai??zEintagsfliegen-MentalitAi??tai??? geprAi??gt. Aber auch hier gilt, dass die Dinge im Fluss sind.

Umfragen zufolge glaubt mittlerweile jede(r) vierte in Europa an die Wiedergeburt (auch wenn sich dieser Glaube stark von der traditionellen hinduistischen Vorstellung unterscheidet)ai??i??.

Europa ist heute ein interkultureller Raum, genauso wie auch Russland. Ist die Konfrontation der kulturellen und religiAi??sen Gemeinschaften mit den konkurrierenden Strategien des Umgangs mit dem Tod und Trauer mAi??glich? Gibt es Beispiele fA?r so etwas? Und wenn ja, wie lassen sich solche Konflikte lAi??sen?

Migration ist ja kein ganz neues PhAi??nomen. Beispielsweise leben in England schon seit lAi??ngerer Zeit viele Hindus. Es gibt viele Beispiele dafA?r, wie schwierig es fA?r diese Menschen ist, den traditionellen Umgang mit Tod und Trauer nicht praktizieren zu kAi??nnen. Im Lauf der Zeit ist die kulturelle SensibilitAi??t zwar gestiegen, aber der Wunsch, den Leichnam binnen 24 Stunden zu verbrennen lAi??sst sich nicht mit der Verwaltungslogik moderner Institutionen vereinbaren.

Und an der Themse wird es auch in Zukunft keine LeichenverbrennungsstAi??tten geben.

Oder nehmen wir Deutschland: Jahrzehnte lang haben sich Muslime, die in Deutschland verstorben sind, zur Bestattung in ihre HeimatlAi??nder bringen lassen. Mittlerweile gibt es eigene muslimische FriedhAi??fe mit ewigem Ruherecht und in manchen BundeslAi??ndern wurde das Friedhofsrecht verAi??ndert, sodass ai??i?? wie es die muslimische Tradition vorsieht – ohne Sarg bestattet werden darf. Allerdings hat sich herausgestellt, dass nun die Nachfrage nach dieser traditionellen Bestattungsart gar nicht mehr so groAY ist. Das heiAYt: Es gibt einerseits die Bereitschaft zu interkultureller Toleranz und andererseits finden in der Migration Adaptionsprozesse statt, die jedoch manchmal erst nach einer Generation wirklich spA?rbar sind.

Menschen leben immer lAi??nger und immer weniger Kinder werden geboren ai??i?? es ist sehr wahrscheinlich, dass das weitere Anwachsen der BevAi??lkerung in Europa durch Migration erfolgen wird. Das System der palliativen Versorgung am Ende des Lebens muss sich also an den neuen Kontext anpassen. Aus der Sicht von Elisabeth KA?bler-Ross ist ein guter Tod bekanntlich ai??i?? ein bewusster und akzeptierter, ein Sterben ohne den Widerstand dem natA?rlichen Fluss der Dinge. Im Berliner Forschungsprojekt PALQUALSUM schaut man sich, zum Beispiel, die BewAi??ltigungsstrategien russischsprachiger Migranten an. Man sieht, dass fA?r viele FAi??lle eben das KAi??mpfenAi?? und die weniger ai??zoffeneai??? Akzeptanz des Sterbens zur BewAi??ltigungsstrategie wird. Somit ergibt sich das VerstAi??ndnis von KA?bler-Ross als repressiv. Bei anderen Migrantengruppen gibt es eventuell eigene Besonderheiten und BedA?rfnisse. Von dem Personal der Hospize und der KrankenhAi??user wird dementsprechend eine FA?lle an ai??zsoft skillsai??? wie interkulturelle Kompetenz erwartet, um adAi??quaten Zugang zu den Sterbenden zu ermAi??glichen. Wie ist es aus Ihrer Sicht mAi??glich, ein gutes ai??zinterkulturelles Sterbenai??? zu realisieren? Geht es allein durch die BemA?hungen der Menschen, die in dem palliativen System bereits heute arbeiten?

Das System der palliativen Versorgung hat sich zumindest teilweise bereits dem neuen Kontext angepasst. Elisabeth KA?bler-Ross hat sich als Pionierin der Hospizbewegung viele Verdienste erworben. Sie selbst hat (sinngemAi??AY) gesagt, dass sie den Tod aus den Abstellkammern der Institutionen herausgeholt hat. Aber natA?rlich gibt es auch Einseitigkeiten in ihrem Denken, teilweise wird sie dafA?r hAi??rter kritisiert als vielleicht nAi??tig wAi??re. BemA?hungen um InterkulturalitAi??t gehAi??ren heute zum Standard von Palliative Care. Allerdings gibt es auch heute noch problematische Idealbildungen zum guten Tod, die sich nicht nur fA?r Sterbende aus verschiedenen Kulturen und Religionen, sondern auch fA?r Sterbende innerhalb einer Kultur sehr negativ auswirken kAi??nnen. Sie normieren das Lebensende, kAi??nnen zu Leistungsdruck oder auch zur Verharmlosung von Verzweiflung fA?hren. Ein gutes interkulturelles Sterben lAi??sst sich nur gemeinsam realisieren: Professionelle, Ehrenamtliche und zuallererst die Betroffenen selbst sind hier gefordert. Was Sie A?ber das KAi??mpfen russischsprachiger Migranten angesichts des Sterbens sagen, ist typisch fA?r jA?disches Sterben. Moses ist in den rabbinischen Schriften ein Paradigma fA?r den Widerstand gegen den Tod, er tritt ja in einen Rechtsstreit mit Gott, als der Todesengel ihm die Nachricht bringt, dass er sterben muss. Da er das Ziel seines Lebens noch nicht erreicht hat (er hat das gelobte Land noch nicht betreten), erscheint es ihm gAi??nzlich ungerecht und unmAi??glich zu diesem Zeitpunkt zu sterben. Und so wie Mose geht es vielen Menschen, nicht nur Juden und JA?dinnen.

KAi??nnen konfessionelle sowie nicht konfessionelle Seelsorger bei der Realisierung dieses Vorhabens ai??i?? gutes Sterben fA?r alle, unter BerA?cksichtigung des Backgrounds ai??i?? behilflich sein?

Ja, natA?rlich sind sowohl Formen traditioneller Sterbebegleitung als auch moderne Formen, die heute gerne unter dem Stichwort ai??zSpiritual Careai??? gebA?ndelt werden, hilfreich. Allerdings gibt es keine Monopole in dieser Hinsicht. Alle Berufsgruppen, die mit schwer kranken, sterbenden Menschen und ihren AngehAi??rigen zu tun haben, kAi??nnen in der spirituellen Begleitung, die fA?r ein gutes Sterben mindestens so wichtig ist wie eine adAi??quate Schmerztherapie, eine Rolle spielen. Allerdings sind es in erster Linie die Betroffenen selbst, die die Verantwortung fA?r ihr Sterben haben, sowie die Familie, die Freunde und Freundinnen, die Menschen, die sie nicht erst im Sterben, sondern bereits davor begleitet haben. Wenn professionelle Begleitung nAi??tig oder gewA?nscht ist, dann darf sie eigentlich nicht vom Sockel des Experten aus geschehen, weil Sterben keine Krankheit ist, die nur einige von uns treffen wA?rde. Wir sitzen alle im selben Boot und sind letztlich alle Betroffene.

Links zum Thema

Univ.-Prof. Dr. Birgit Heller, MenschenwA?rde in interreligiAi??ser Perspektive