ai??zDie geisteswissenschaftliche Bildung ist wichtig in dieser globalisierten Welt, die eine Orientierung oft schwierig machtai???: Journalistin, Moderatorin und Medienberaterin Gemma PAi??rzgen A?ber den politischen Journalismus, der Demokratie drohende Tendenzen und die A?berschAi??tzte Bedeutung des Kanarienvogels bei Dostojewski

Arbeit und Praktika

Ich habe schon wAi??hrend meines Studiums begonnen, journalistisch zu arbeiten.Ai??Dabei habe ich fA?r eine lokale Beilage der SA?ddeutschen Zeitung regelmAi??AYig aus zwei BezirksausschA?ssen berichtet und mich mit lokalen MA?nchner Themen befasst. AuAYerdem habe ich zahlreiche journalistische und politische Praktika absolviert, was damals noch eher ungewAi??hnlich war. Besonders interessant war ein Praktikum im Deutschen Bundestag beim SPD-Abgeordneten Norbert Gansel, der mir als glaubhafter, ungewAi??hnlicher Politiker in bester Erinnerung geblieben ist. Er arbeitete damals an einem Kriegswaffenkontrollgesetz, das sich leider nicht gegen die zahlreichen Lobbyinteressen durchsetzen lieAY.

Ich bin nach einigen Jahren als Auslandskorrespondentin in SA?dosteuropa und in Israel/PalAi??stinensergebiete vor zehn Jahren nach Berlin gekommen. Zu meinen letzten grAi??AYeren Projekten zAi??hlte ein Bericht A?ber die Lage von Medien und Journalisten in der Ukraine, den ich fA?r Reporter ohne Grenzen geschrieben habe. Im Herbst habe ich etliche Anfragen fA?r die Moderation von Fachveranstaltungen, Panelteilnahmen und VortrAi??ge. Ein Filmprojekt ist fA?r den Winter geplant. Ich arbeite auch regelmAi??AYig bei Deutschlandradio Kultur in der Online-Redaktion und bei den Kulturnachrichten. AuAYerdem beschAi??ftigt mich ein grAi??AYeres Buchprojekt.

Studium und Erfahrung

Ich habe Politikwissenschaften, Slawistik und OsteuropAi??ische Wissenschaften in MA?nchen studiert. Ich hatte das GlA?ck eines breit angelegten Studiums, in dem ich mich mit Wissenschaftstheorie ebenso beschAi??ftigen konnte wie mit Politischen Systemen und Politischer Philosophie, aber auch historischen Grundlagen. Ich war schon immer politisch sehr interessiert und wollte dies mit meinem besonderen Interesse an Osteuropa verbinden. Die FAi??cherkombination hat sich damals sehr gut ergAi??nzt. WAi??hrend des Studiums hatte ich das GefA?hl vor allem wAi??hrend meiner Praktika viel zu lernen und im Studium sehr viel weniger. Heute merke ich im RA?ckblick, dass das nicht stimmt, sondern ich in Wahrheit sehr viel gelernt habe, vor allem wissenschaftliches Arbeiten, Umgang mit Quellen und eine kritische Grundhaltung.

Flops und Tops

Der absolute Flop meines Studiums waren in meiner Erinnerungen bestimmte Dozenten in der Slawistik und vor allem die Sprachwissenschaftler. Wir hatten in MA?nchen einige sogenannte Strukturalisten, die sich mit grAi??AYter IntensitAi??t mit Fragen beschAi??ftigten wie der Bedeutung des Kanarienvogels bei Dostojewski. In den 1980er Jahren war fA?r mich als Politikwissenschaftlerin auch kaum zu ertragen, wie unpolitisch die Dozenten und die Mehrzahl der Studenten in der Slawistik waren. Auch die BeschAi??ftigung mit Altkirchenslawisch zAi??hle ich zu den Flops. Ein Top waren dagegen einige Gastdozenten in der Politikwissenschaft, vor allem die Seminare des spAi??teren polnischen AuAYenministers Bartoschewski, der nicht nur sehr viel Wissen mitbrachte, sondern auch so viel lebendige Erfahrung, Klugheit und Charisma, dass seine Seminare mir in besonderer Erinnerung geblieben sind. Zu den Highlights gehAi??rte auch ein Kreis von russlandinteressierten Mitstudenten, der sich regelmAi??AYig zu Diskussionsrunden traf. Mit einigen stehe ich bis heute im Austausch oder bin befreundet, weil uns die BeschAi??ftigung mit Osteuropa nie losgelassen hat.

Freiberuflerin und Mutter

Ich fand es sehr oft schwer, in meinem Beruf Frau und Mutter zu sein. Da ich alleinerziehende Mutter von zwei TAi??chtern bin, war es mir wichtig, Beruf und Familie mAi??glichst gut vereinbaren zu kAi??nnen. Gleichzeitig wollte ich vor allem inhaltsbezogen arbeiten und meinen Themen treu bleiben. Auf diese Weise hat sich dieser Weg ergeben. Als freie Journalistin konnte ich meinen Beruf ausA?ben und ausreichend Zeit fA?r meine Kinder aufbieten. Ich bemA?he mich darum breit aufgestellt zu sein und nicht etwa in AbhAi??ngigkeit von einzelnen Kunden zu geraten. Das hat sich A?ber die Jahre bewAi??hrt und macht mir viel SpaAY. Die Kinder waren immer eine Bereicherung und sicher nie ein Hindernis, aber im Journalismus fehlten fA?r meine Generation die Vorbilder von Kolleginnen, die beides vereinbaren konnten. Auf meinem Auslandsposten als Korrespondentin war ich nur eine von wenigen MA?ttern, die neben der Berichterstattung auch noch Kuchen backen musste, Elternabende besuchen und genug Zeit fA?r die Kinder rausschlagen wollte. A?berwunden habe ich diese Hindernisse nicht, aber meine Nische gefunden und mit dem Alter steigt das Selbstbewusstsein. AuAYerdem freue ich mich A?ber jA?ngere Kolleginnen, die ebenfalls beides zu vereinen versuchen. Ich versuche sie zu ermutigen. Der politische Journalismus ist sehr stark von MAi??nnern dominiert. Als ich in die Nachrichtenredaktion der Frankfurter Rundschau kam, waren wir zwei Frauen und 13 MAi??nner. Bis heute Ai??rgere ich mich aber darA?ber, wie oft ich reine Herrenrunden moderiere oder einzige Mitdiskutantin unter MAi??nnern bin.

Selbstdisziplin und Neugier

FA?r meinen beruflichen Alltag ist Selbstdisziplin wichtig, denn es gibt fA?r Freiberufler zunAi??chst keinen beruflichen Rahmen. Das bedeutet, man muss sehr aktiv und kreativ sein und sich auch auf Experimente und Wagnisse einlassen. Dabei hilft sicherlich auch eine gewisse ZAi??higkeit und gute Gesundheit. Journalismus ist vor allem ein Erfahrungsberuf, deshalb hilft es natA?rlich, wenn man A?ber viele Jahre in dem Job arbeitet und Themen A?ber eine lange Zeit verfolgt. Neugier ist wichtig und die Gabe mit Menschen leicht in Kontakt zu treten. Die meisten Themen erfAi??hrt man im GesprAi??ch mit anderen, durch eigene Beobachtung und Recherche. Deshalb scheint es mir sehr wichtig, viel in Bewegung zu sein. Aber gleichzeitig auch genA?gend Zeit zu finden, um auch mal in die Tiefe zu gehen, sich mit Themen ausfA?hrlicher zu befassen und viel zu lesen.

Ai??Lernen der Zukunft

Ich halte eine breite Bildung fA?r erfA?llend und wichtig und das gerade in dieser globalisierten Welt, die eine Orientierung oft schwierig macht. Wenn ich A?ber Lernen der Zukunft nachdenke, habe ich eher Sorge, dass die zunehmende Ai??konomisierung aller Lebensbereiche fA?r eine Tendenz sorgt, die ich fA?r falsch halte. Schon jetzt verlassen viele junge Leute die Schule ohne ausreichend Geschichts- oder Politikunterricht gehabt zu haben. Das ist aus meiner Sicht gefAi??hrlich fA?r die Demokratie. Stattdessen steigen die Bildungsdefizite. Katastrophal steht es in Deutschland auch unverAi??ndert um die SprachfAi??rderung. Statt alle Kinder in der Schule bereits von der ersten Klasse an in zwei Sprachen zu unterrichten, wird diese FAi??higkeit der Kinder sehr schnell und gut Sprachen zu lernen, vAi??llig verschenkt. All die Kinder, die durch ihren Migrationshintergrund bereits eine zweite Sprache aus der Familie mitbringen, werden darin nicht gefAi??rdert. Das ist so vorgestrig und mA?sste sich dringend verAi??ndern. Auch der Umgang mit der Digitalisierung und das Leben im Medienzeitalter wollen gelernt sein, aber dafA?r werden kundige Lehrer benAi??tigt, die bislang an den Schulen fehlen.

Ai??Geisteswissenschaften und kritisches Denken

Ich beobachte mit einiger Sorge, dass die Sozial- und Geisteswissenschaften hAi??ufig gering geschAi??tzt werden. Ich habe selbst die Erfahrung gemacht, dass mir mein Studium viel gutes RA?stzeug mitgegeben hat, die Welt zu verstehen und mir zu erklAi??ren. Dadurch komme ich oft in die Lage, anderen Menschen, denen diese Bildung fehlt, Dinge erlAi??utern zu kAi??nnen, die sie sich nicht selbst erklAi??ren kAi??nnen. Gerade bei Wirtschaftsleuten oder Technikern ist oft zu beobachten, dass sie in diesem Feld riesige WissenslA?cken haben. Auch im Alltag finde ich es oft nA?tzlich, Politologin und Journalistin zu sein und dadurch eine kritische Grundhaltung zu haben, sei es in Schulversammlungen oder im Umgang mit inkompetenten Ai??rzten.

Ai??PlAi??ne und Motto

Ob man sich selbst als Geisteswissenschaftlerin erfinden soll? Ich halte wenig davon, da zu viel planen oder „erfinden“ zu wollen. Mein GefA?hl ist eher, dass das Leben einen schon irgendwohin trAi??gt. Es sind eher ZufAi??lle, die das eigene Leben bestimmen. Wichtiger scheint mir, sich an bestimmten Wegkreuzungen im Leben entscheiden zu kAi??nnen und eine Idee zu haben. Der beste Satz des Jahres stammt fA?r mich aus Michelle Obamas groAYartiger Rede und lautet: „When they go low, we go high“. Dieses Motto hat mich nachhaltig beeindruckt, ist aber schwer umzusetzen.