Brief Nadeschda Tolokonnikowas aus dem Lagerkrankehaus LPU 21, Baraschewo, Mordwinien

Alexander Formozov übersetzte den letzten Brief von Nadeschda Tolokonnikowa (Pussy Riot), den sie am 12. Oktober 2013 nach dem Hungerstreik aus dem Haftkrankenhaus geschrieben hat, und mit dem sie erstmals die zweiwöchige Informationsblokade durchbrach. In diesem Brief bestätigt sie noch einmal prägnant ihre Schilderung und Forderungen – darunter die Einhaltung von Menschenrechten und Strafvollzugsgesetzen, Überprüfung der mordwinischen Lager durch unabhängige Komissionen, Humanisierung des russischen Strafvollzugs und die Untersuchung der Verbrechen im Strafvollzug.
Auszug: „Gestern, am Freitag dem 11. Oktober, konnte ich erstmals seit zwei Wochen meinen Anwalt treffen. Bis dahin war ich sowohl in der Strafkolonie Nr. 14 als auch im Krankenhaus völlig von der Öffentlichkeit abgeschottet. Trotz anderslautender Berichte der Strafvollzugsbehörde wurde kein ärztliches Kontaktverbot verhängt, denn ich hatte ständig Kontakt mit Mitarbeitern dieser Institution. Aus Gesprächen mit hochrangigen Vertretern der Gefängnisverwaltung wurde mir klar, dass die wirklichen Gründe meiner Abschottung ganz andere waren, sie waren nicht medizinischer, sondern politischer Art. Ich möchte allen, die mit meiner Abschottung zu tun haben, verkünden: Sollten Sie denken, dass ich ohne Kontakt zu meinen Freunden nachgiebiger werde und meine während der Haft leidvoll gewonnen Einsichten in den Zustand der mordwinischen Lager aufgebe, so irren Sie sich gewaltig. Wenn Sie Druck auf mich ausüben und meine Rechte verletzen, darunter mein gesetzlich garantiertes Recht auf Treffen mit meinem Anwalt, so macht das meine Haltung gegenüber der Situation in den mordwinischen Lagern nur noch kompromissloser. Ich danke allen, die meinen Protest gegen die Rechtlosigkeit in den mordwinischen Lagern unterstützt haben – eine zynische Rechtlosigkeit, die sich hinter Losungen über ökonomische Effektivität verstecken will. Ein Mensch darf kein Mittel sein – er muss zum Zweck werden. Einschüchterung und Erniedrigung können kein Erziehungs- und Besserungsmittel sein.“ Dieser Foderung schließen wir uns mit der Weltweiten Lesung in Solidarität mit Michail Chodorkowski, Platon Lebedew und allen politischen Gefangenen in Russland am 25.10.2013 an. Diesen Brief haben Berlinerinnen und Berliner für iDecembrists e.v. , dem Aktions- und Informationsnetzwerk zur Föderung der Zivilgesellschaft und Menschenrechte in Osteuropa, auf Video eingesprochen. Das Video finden Sie hier… Mehr Informationen zu der Weltweiten Lesung in Solidarität mit Michail Chodorkowski, Platon Lebedew und allen politischen Gefangenen in Russland und bisherigen Lesungen finden Sie unter www.worldwide-reading.com. Den Brief, der bisher in deutschen Medien noch nicht erschienen ist, finden Sie in kompletter Länge hier.